22.3.06

Parade

Die Wolken haben sich uniformiert
weiß sind sie angezogen
in strammem Schritt entlang marschiert
kommen sie angeflogen

Der Dicke ist der General
hat sich hübsch aufgeplustert
dahinter dünn und blass und fahl
Rekruten grad gemustert

Kanonen haben sie auch dabei
das sind die langen Dinger
und biegsam sind sie oweih oweih
das sind nicht gerade Bezwinger

Und seht doch mal der General
er wird auf einmal schmal
Da sieht man schwarze Heere ziehn
es riecht nach Krieg und Infanterien
und er er macht sich dünn

23.4.06

Beobachtung in der Aue

Das Vieh leckt zufrieden sein Maul
das Grün ist aufgefrischt
lange wurde Kuh und Gaul
nichts dergleichen aufgetischt

Die Blüten riechen wie frisch lackiert
nur hängt kein Schild das warnt
Die Spinnen haben es schnell kapiert
vor dieser Kulisse ist leicht umgarnt

Sie knüpfen Schlingen sie beißen zu
das kommt ihrer Gier zugute
Andere spielen da Blindekuh
der Hengst schielt nach der Stute

22.3.06

Glasmöbel

Da steht ein Glas
schon tagelang rum
benutzt nicht registriert
tagelang mach ich
den Bogen darum
dann hab ich es kapiert

Du bist ein Möbelstück
geworden
unverrückbar massiv
Jetzt gibt es für mich
kein Zurück
ich sammel ein
Glasarchiv

Und stell es aus
hier auf dem Tisch
oder auf dem Regal
auf dem Boden
neben dem Bett
kein Wegräumen mehr keine Qual
Die Idee wird richtig fett
doch dann hab ich
einen Schreck bekommen
Jemand ist mir ganz in der Näh
mit dieser Idee
schon zuvor gekommen

4.11.06

Brenner

Die Leitplanken verrostet
passend zum Herbst der Blätter
Wieviele Leben gekostet
bis sie kamen die Retter
Schmerzensschreie im Tal
zogen die Berge hoch
Überleben mental
untergeordnet dem Joch
Autos überschlagen
Lebenschancen danach
Wozu die Bergung wagen
Werden Verletzte noch wach
Oben auf den Höhen
entschwinden Sorgen und Schuld
Kühe bimmeln und stehen
auf Almen voller Geduld

5.2.07

Schweigemauer

Bauen wir eine Mauer
zwischen uns
erzählen nicht mehr
voneinander sondern
darüber
rätseln was sich
im Verborgenen tut
bauen höher bis wir
uns nicht mehr sehen
mutmaßen
auf demselben Grund
Abgründe diesseits
der Mauer

6.1.07

Impression Anfang Januar

Ein Frühlingslied ein Vogel singt
es ist noch nicht mal Winter
Der Regen in den Böen swingt
die Stute weidet und der Stier dahinter

Wie Reihengräber ragen Schollen auf den Äckern
bis neue Kraft die Saat dem Boden abverlangt
Gefallene gierig von Bodenbedeckern
in alten Bombentrichtern anstandslos umrankt

Reviere für die Hunde freier Lauf
Ein Jogger atmet schwer asthmatisch
Die alte Mühle jahrelang zum Kauf
liegt regungslos in einer Senke fast apathisch

Ein Bachlauf lockt die Angler ihr Latein
wird hier gesponnen unter kahlen Ästen
Könnte das denn nicht immer alles sein
wer spräche noch von Schlössern und Palästen

5.4.06

Sportplatz am Walde

Wär der Platz besser auch Wald
denkt sich der dicke Peter
läuft mühsam ihm ist kalt
da pfeift Lehrer Huber Elfmeter

Luigi wurde gefoult
Eine Schwalbe denkt sich der Specht
Der Torwart nölt und mault
Luigi verwandelt nicht schlecht

Reißt jubelnd die Arme hoch
und dreht eine Ehrenrunde
Lehrer Huber denkt auch das noch
gleich hat er Erdkunde

Luigi träumt von Stadien
jubelnden Fans auf den Rängen
So hat jeder seine Radien
und schlägt seinen Platz um Längen

So wie verwunschen der Ort
von Peter am liebsten wäre
dann liefe er schnell von hier fort
oder langsam das tät nichts zur Ehre

18.8.06

Mein letzter Wagen

Mein letzter Wagen wird ein Kombi sein
Denn eines muss er erfüllen
Ich passe liegend hinein
gegen meinen Willen

Doch der zählt dann nicht mehr
Ich fahre hin und nicht her
Ich lass mich auf Händen tragen
und steig nicht mehr aus dem Wagen

13.11.06

Die Haut des Zanders oder Ironie Natur pur

Das Land liegt unter Schichten
von Himmeln wie Grauwacke
Darunter darüber dichten
Au Backe

Der Raubvogel stürzt ein
das Revier der Hasen
Kann aber auch sein
er wird es lassen

Einöde ist anders
Hier kämpfen ums Überleben
im Bach die Haut des Zanders
glänzt nicht nur dem Reiher daneben

17.1.06

Wie abgefahren

Doch der Zug
Die Träume
winken

hinterher ihm
hinken

24.3.06

Schlüsselfrage

Jeden Abend
lass ich mich ein
mit mir
dreh den Schlüssel
im Schloß
trete ein
durch die Tür

18.4.06

Du gehst

Du gehst mir unter die Haut
da wo die Liebe sitzt
wo das Herz pocht und
manchmal ums Leben schwitzt

Du gehst mir zur Hand
wo die Lust entsteht
wo Liebe und Leid
aneinander vergeht

13.2.06

Nur Worte

Den Stich ins Herz
versetzt du mir
Ich fasse mich
an die Brust
Ich habe nichts
in den Händen
sagst du

5.4.06

In der S-12

Ein lila Film legt sich auf den Abend
Dämmerung stellt sich ein
Was vorher hochtrabend
wird auf einmal klein

Die Nacht hält schwarze Hüllen
für jedermann bereit
Pläne zu zerknüllen
wird es langsam Zeit

Füg dich in die Fugen
die das Leben lässt
lüg nicht du kannst lugen
was es gibt an Rest

28.1.06

Scholle auf Eis

Im Morgennebel
Rauhreif gestreut
über die Felder
Landgut
und über Boote
Strandgut

12.5.06

Die Poren

Die Poren stehen offen
die Freude weiß nicht ein
noch aus es ist zu hoffen
du lebst daraus kann sein

Du übersiehst die Kleinigkeiten
und schwelgst im Großen
und Ganzen und für Unwägbarkeiten
brichst du keine Lanzen Dornrosen

13.6.06

Weites Meer

Weites Meer
der Blick kann träumen
von den Kronen und
den Schäumen

Segelboote
unerreicht
setzen Segel
welches bleicht

Alles unerhört
voll Farben
woran andre
Tage darben

Möwenkiekser
Zwischenschrei
Jenes ist heut
einerlei

24.7.06

Feierabend

Ich seh eine Ameise flitzen
entlang der Plattenritzen
Eine Rollade ratscht
nach unten bis es klatscht

Ein Nachbar schottet sich ab
Die Sonne ist noch nicht landunter
Grad dieser Moment den ich hab
macht mich glücklich und munter

Am Abend ist Einkehr was immer
dieses und jenes bedeutet
Irgendwer dreht den Dimmer
Dass sich der Tag neu häutet

26.10.06

Entlaubnis

Die Bäume haben sich erlaubt
sich zu entlauben
Es wird kahl doch wer
mag gern dran glauben

Die Seele wärmt sich an Tee
Kerzen und Ritualen
und hofft sich verausgabt zu haben
wird sich am Ende auszahlen

© Jörg Wehner

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Lyrikstunde.